Josef

de ·Chormusical

Ein biblisches Chormusical über Josef von Nazareth. Ca. 65 Min., keine Pause, 8 Chorstücke mit Soli + Bibellesung, 10–14 Darsteller + Chor. Theologisches Grundmotiv: Gott stellt einen Anspruch, den kein Mensch erfüllen kann — und erfüllt ihn selbst, durch Jesus. Josef stößt jedes Mal an seine Grenze — und jedes Mal trägt Gott ihn hindurch. Bis zur letzten Frage, wo selbst Engel nicht mehr reichen. Da zeigt Josef auf Jesus. Rahmenhandlung: Josef (ca. 50) trifft in einer Schenke in Nazareth seinen alten Freund Joram nach 13 Jahren wieder — aufgewühlt, weil er den 12-jährigen Jesus im Tempel wiedergefunden hat. Beim Erzählen öffnet sich die Rückblende auf Verlobung, Geburt, Flucht — und endet mit Jorams Geständnis: Er war die Schattengestalt.

Personen

Engel
hoher Sopran / Countertenor

Bote Gottes. Kein klassisch geflügeltes Wesen — eine Präsenz. Licht, Nebel, Stimme.

Herodes
Bass-Bariton

König, der sein Königtum bedroht sieht. Reagiert auf die Nachricht vom Kind mit kontrollierter Wut — nicht laut, sondern kalt.

Hirten
Ensemble (Rap + Chor)

Ensemble von 3–5 Hirten. Atemlos, staunend, ungeschliffen. Erzählen rappend, was sie auf dem Feld erlebt haben.

Jesus
Knabensopran (nicht-singende Rolle möglich)

In der Gegenwart der Rahmenhandlung 12 Jahre alt — im Tempel wiedergefunden, Satz: „Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?" In den Rückblenden das neugeborene Kind in der Krippe.

Joram
Tenor

Josefs alter Jugendfreund aus Nazareth. Zu Beginn der Rückblende (Szene 1) noch ganz Freund, Zuhörer, Anteilnehmender. Später — heimlich — die Schattengestalt, die Josef bis nach Bethlehem folgt und Herodes informiert.

Josef von Nazareth
Bariton

Zimmermann aus Nazareth, Mann Marias, irdischer Vater Jesu. In der Rahmenhandlung ca. 50 Jahre alt, sichtlich bewegt, aufgewühlt. In den Rückblenden jung — am Anfang am Boden zerstört, später zunehmend ein Mann, der gelernt hat zu vertrauen.

Maria
Sopran

Marias erster Auftritt ist erst in Szene 3 (Weg nach Bethlehem): still, stark, hochschwanger. In Szene 2 nur als Zielpunkt von Josefs Gang zu ihr — wortlos reicht er ihr die Hand.


Akt 1
Akt 1 (durchgängig, keine Pause)
Szene 1 Prolog — Schenke, Gegenwart
Schenke in Nazareth, Gegenwart. Abends.
Josef (ca. 50) betritt eine Schenke in Nazareth, sichtlich bewegt. Er trifft seinen alten Freund Joram, den er 13 Jahre nicht gesehen hat. Er erzählt, wie er den 12-jährigen Jesus nach drei Tagen Suche im Tempel wiedergefunden hat. Die beiden stellen fest: Sie saßen zuletzt vor 13 Jahren an genau diesem Tisch. Josef beginnt zu erzählen.

(Schenke in Nazareth. Gegenwart. Abend. Ein Tisch in der Mitte. Josef, ca. 50, betritt den Raum — sichtlich bewegt, aufgewühlt. Joram sitzt am Tisch, erhebt sich überrascht.)

JORAM Josef. Mensch. Dreizehn Jahre.

JOSEF Dreizehn Jahre.

JORAM Setz dich. Was ist mit dir? Du siehst aus, als hättest du jemanden gesehen.

JOSEF Drei Tage. Wir haben ihn drei Tage gesucht. Maria und ich.

JORAM Wen?

JOSEF Jesus. Den Jungen. Zwölf Jahre alt. Wir dachten, er wäre in der Reisegruppe. Er war nicht da. Wir sind zurück nach Jerusalem, Tempel hoch, Tempel runter, drei Tage lang — und dann sitzt er da. Zwischen den Gelehrten. Hört zu. Fragt. Und als ich ihn fand, sah er mich an und sagte: „Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?"

(Pause.)

JORAM Haus meines Vaters.

JOSEF Ich verstehe es nicht. Noch nicht.

(Joram blickt sich um.)

JORAM Weißt du, dass wir hier gesessen haben? An diesem Tisch?

JOSEF Vor dreizehn Jahren.

JORAM Vor dreizehn Jahren.

(Stille. Josef sieht den Tisch an.)

JOSEF Lass mich erzählen.

Lass mich erzählen

(Chor pianissimo, fast aus der Ferne — einzelne Silben, kein Wort ganz)

 

(Lass — mich — erzählen ...)

(Lass — mich — ...)

(Josef-Solo, gesprochen-gesungen, leise — wie jemand, der sich erst sammelt)

 

Ich saß an diesem Tisch, mein Freund,

vor dreizehn Jahren, gleiche Wand.

Ich kam von Jerusalem zurück,

mit Staub vom Weg an meiner Hand.

 

Drei Tage haben wir gesucht.

Drei Tage Tempel, Halle, Stein.

Und als ich endlich vor ihm stand,

da sah er auf — und war daheim.

(Chor leise einstimmend hinter Josef)

 

Lass mich erzählen.

Lass mich endlich verstehn,

was ich dreizehn Jahre lang

durch mich hindurch hab geh'n.

 

Ich hab es nicht begriffen,

ich hab es nur gelebt.

Lass mich erzählen,

wie Gott durch alles webt.

(Josef wieder allein — wärmer, etwas fester)

 

Ich war ein Mann mit einem Plan,

mit Werkzeug, Holz und festem Maß.

Doch was mir damals widerfuhr,

sprengt jedes Maß, sprengt jedes Glas.

 

Ich habe lange nichts gesagt.

Ich habe viel zu lang geschwiegen.

Heut sitzt du wieder gegenüber —

und alles bricht in mir in Stücke und in Frieden.

(Josef + Chor zunächst zusammen, dann übernimmt der Chor — Lichtwechsel beginnt, junge Darsteller treten aus dem Schatten)

 

Lass mich erzählen.

Lass mich endlich verstehn,

was ich dreizehn Jahre lang

durch mich hindurch hab geh'n.

 

Ich hab es nicht begriffen,

ich hab es nur gelebt.

Lass mich erzählen,

wie Gott durch alles webt.

 

(Chor übernimmt — Josef tritt zurück, der junge Josef tritt hervor)

 

Lass uns mit ihm gehen,

zurück in jene Nacht.

Was er noch nicht versteht,

hat ihn bis hierher gebracht.

 

Lass ihn jetzt erzählen.

Lass uns mit ihm sehn.

 

(Sehr leise, ausklingend:)

 

(Lass — uns — sehn ...)

(Lass — uns — sehn ...)

(Während des Songs wechselt das Licht. Junge Darsteller treten aus dem Schatten, nehmen am Tisch Platz. Josef und Joram treten zurück.)

Szene 2 Szene 1 — Dieselbe Schenke, 13 Jahre früher
Dieselbe Schenke, 13 Jahre früher. Nacht.
Lichtwechsel. Junge Darsteller, selber Tisch, andere Zeit. Der junge Joram sitzt am Tisch. Josef stolpert herein, am Boden zerstört: Maria hat ihm eröffnet, dass sie schwanger ist — vom Heiligen Geist. Er kann das nicht glauben. Er entschließt sich, sie heimlich zu verlassen. Joram hört zu, zeigt Anteilnahme — noch ist er ganz Freund. Dieses Wissen wird er später verraten.

(Dieselbe Schenke, 13 Jahre früher. Nacht. Der junge Joram sitzt am Tisch, trinkt. Die Tür fliegt auf. Der junge Josef stolpert herein — am Boden zerstört.)

JORAM Josef! Mensch, du siehst aus wie —

JOSEF (setzt sich schwer) Sie ist schwanger.

JORAM (pausiert) Maria?

JOSEF Maria.

JORAM Das ist doch —

JOSEF Nicht von mir.

(Pause.)

JORAM Von wem?

JOSEF Sie sagt — *(bricht ab)* — sie sagt, vom Heiligen Geist.

(Joram schweigt.)

JOSEF Verstehst du? Vom Heiligen Geist. Das sagt sie. Ich — ich liebe sie, Joram. Ich habe sie geliebt, seit ich —

JORAM Ich weiß.

JOSEF Ich kann sie nicht bloßstellen. Ich kann sie nicht anzeigen. Ich werde sie heimlich verlassen. Niemand muss es wissen. Niemand.

JORAM Niemand.

JOSEF Schwöre es.

JORAM Ich schwöre es.

(Josef nickt, starrt auf den Tisch.)

Bye bye Maria

Ich kam zu dir mit einem Ring,

mit einem Haus, mit Plan und Traum.

Du standst im Licht und sagtest Dinge —

und unser Leben gab es kaum.

 

Ein Kind, Maria. Nicht von mir.

Du sagst, vom Heiligen Geist.

Ich liebe dich. Ich glaub dir nicht,

was du mir heute verheißt.

Bye bye, Maria.

Ich schweige, wo ich kann.

Bye bye, Maria.

Kein Urteil kommt von meiner Hand.

Ich geh bei Nacht, ich nehm die Last,

ich werde nie zurückseh'n —

Bye bye, Maria.

Wenn Morgen wird, bin ich gegangen.

Ich hab gewartet, Jahr um Jahr,

hab jedes Brett für dich gelegt.

Die Kammer, die ich für uns baut' —

ich weiß nicht, was aus ihr jetzt wird.

 

Ich wollte dir vertrauen.

Gott weiß, ich hab's versucht.

Doch meine Hände kennen Holz,

sie fassen keinen Heil'gen Geist.

*(Chor als innere Stimmen, zuerst geflüstert, dann schwellend.)*

 

Geh. Geh. Geh.

— Sie hat dich verraten.

— Sie hat nie gelogen.

Wer soll dir das glauben?

— Was, wenn es wahr ist?

Geh.

 

*(Josef, allein:)*

 

Ich kann nicht bleiben, wo ich nichts versteh'.

Ich kann nicht halten, was ich nicht fass.

Gott vergib mir — wenn ich falsch bin —

morgen früh seh ich sie nicht mehr.

Bye bye, Maria.

Ich schweige. Niemand wird's erfahren.

Bye bye, Maria.

Ich geh, bevor die Hähne krähen.

Ich nehm den Weg, ich nehm die Schuld,

ich werde nie zurückseh'n.

Bye bye —

bye bye —

Maria.

 

*(Josef legt den Kopf auf den Tisch. Er schläft ein.)*

(Während des Songs bleibt Joram still sitzen, hört zu. Am Ende des Songs erhebt er sich, legt Josef kurz die Hand auf die Schulter, geht ab. Josef bleibt allein, legt den Kopf auf den Tisch, schläft ein.)

Szene 3 Szene 2 — Engelserscheinung I
Die Schenke, tiefe Nacht. Dann Marias Haus.
Josef schläft allein am Tisch. Blaues Licht, Nebel. Ein Engel erscheint und greift Josefs eigene Melodie auf — wo Josef „Bye bye Maria" sang, singt der Engel „Bleib bei Maria." Josef wacht auf, geht zu Maria, nimmt wortlos ihre Hand. Erstmals erscheint am Rand eine unauffällige Gestalt — die Schatten- gestalt. Noch denkt niemand an Joram.

(Josef schläft am Tisch. Stille. Dann: blaues Licht. Nebel zieht auf. Der Engel tritt ein — keine Flügel, nur Präsenz.)

Bleib bei Maria

–:––

Nacht in Nazaret

Alles still

Nur Josef wach

Zweifel in seinem Herz

Träume machen ihm so schwach

Plötzlich wird es hell

Ein Bote steht vor ihm

Fürcht dich nicht

Mein Freund

Gott hat einen guten Plan mit dir

Bleib bei Maria

Gott ist mit dir

Fürchte dich nicht

Er bleibt bei ihr

Bleib bei Maria

Halt ihre Hand

Gott schreibt Geschichte

Mit euch in diesem Land

(bleib, bleib)

Bleib bei Maria

Josef hört ganz leis

Das Kind ist Gottes Sohn

Du sollst sein Papa sein

Haus und Herz sein erster Thron

Tränen auf der Hand

Doch Hoffnung wird jetzt groß

Denn mitten in der Angst

Reißt Gott alle Zweifel los

Bleib bei Maria

Gott ist mit dir

Fürchte dich nicht

Er bleibt bei ihr

Bleib bei Maria

Halt ihre Hand

Gott schreibt Geschichte

Mit euch in diesem Land

(oh, bleib, bleib)

Bleib bei Maria

[Children’s choir

Call and response]

Wir rufen: Ja! (Ja!)

Gehst du mit? (Ja!)

Josef

Vertrau (Ja!)

Gott geht den Weg mit dir mit

Bleib bei Maria

Gott führt dich hin

Wo Seine Liebe

Immer stärker ist als Sinn

Bleib bei Maria

Gott ist mit dir

Fürchte dich nicht

Er bleibt bei ihr

Bleib bei Maria

Halt ihre Hand

Gott schreibt Geschichte

Mit euch in diesem Land

(bleib, bleib)

Bleib bei Maria

(Der Engel beginnt zu singen — dieselbe Melodie wie Josefs „Bye bye Maria", nur mit verwandelten Worten. Josef regt sich im Schlaf.)

(Licht bleibt blau. Josef richtet sich auf, wach, die Hand noch auf dem Tisch. Er blickt in die Richtung, in der der Engel stand — nichts mehr. Er steht auf. Geht langsam ab.)

(Lichtwechsel. Marias Haus. Maria tritt ins Licht — still, ruhig, hochschwanger schon nicht mehr, aber ein kleiner Bauch. Josef kommt herein. Sagt nichts. Geht zu ihr. Nimmt ihre Hand.)

(Sie sehen sich an. Keine Worte.)

(Am Rand der Bühne: eine unauffällige Gestalt — kaum sichtbar, nur ein Umriss. Die Schattengestalt. Sie beobachtet. Geht wieder.)

(Dunkel.)

Szene 4 Szene 3 — Der Weg nach Bethlehem
Straße von Nazareth nach Bethlehem. Bethlehem bei Nacht.
Maria tritt erstmals auf die Bühne — still, stark, hochschwanger. Der beschwerliche Weg nach Bethlehem, Volkszählung. Ankunft: Alles voll. Josef klopft an Türen, wird abgewiesen. Maria hat Wehen. An der letzten Tür bricht Josef kurz auf: „Ich kann ihr nicht einmal ein Bett geben." In diesem Moment öffnet sich die Tür — der Wirt zeigt wortlos auf den Stall. Die Schattengestalt folgt in der Ferne.

(Dämmerung. Eine lange, leere Straße. Josef und Maria — Maria jetzt deutlich hochschwanger — gehen vorüber. Langsam. Müde.)

Weg nach Bethlehem

(Instrumental)

(Instrumentalmusik. Voiceover erzählt im Hintergrund den Weg: Volkszählung, Kaiser Augustus, der Weg von Nazareth nach Bethlehem. Die beiden queren die Bühne mehrfach — Müdigkeit, Schritte, Stille.)

(In der Ferne, am Bühnenrand: die Schattengestalt. Sie folgt. Sie bleibt zurück, wenn die beiden weitergehen. Geht weiter, wenn sie stehen bleiben.)

(Bethlehem. Türen an den Bühnenrändern. Josef klopft. Eine Tür öffnet sich einen Spalt, schließt sich. Nächste Tür. Nächste.)

(Maria krümmt sich — erste Wehen. Sie lehnt sich an die Wand. Josef klopft verzweifelt an der letzten Tür.)

(Keine Antwort. Er klopft nochmal. Hört auf. Lehnt die Stirn an die Tür.)

JOSEF (leise, fast ohne Ton) Ich kann ihr nicht einmal ein Bett geben.

(Er hebt die Faust, lässt sie fallen. Dreht sich zu Maria.)

JOSEF Maria — ich —

(Maria sieht ihn an. Sagt nichts. Ihre Hand auf seinem Gesicht.)

(Hinter ihm: die Tür öffnet sich. Ein Wirt, wortlos, zeigt mit der Hand nach hinten. Stall.)

(Josef blickt Maria an. Sie nickt. Sie gehen.)

Szene 5 Szene 4 — Der Stall. Geburt
Stall in Bethlehem. Nacht.
Die Geburtsszene — reduziert, intim, still. Kein Kitsch. Kälte, Dreck, Angst. Und dann: das Kind. Josef hält es zum ersten Mal, weint. Sein Eingeständnis „Ich konnte dir nichts anderes geben" kippt im Anschauen des Stalls in eine Erkenntnis: „Hier hast du dir's ausgesucht." Gott hat sich den Stall ausgesucht. Josefs Armut wird nicht korrigiert, sondern gewählt. Die Schattengestalt beobachtet am Rand.

(Stall. Reduziert — ein paar Balken, Stroh, ein Tuch. Kalt. Maria kauert, atmet schwer. Josef kniet bei ihr, hilflos.)

JOSEF Atme. Atme. Ich bin da.

MARIA (leise) Ich weiß.

(Stille. Ein letztes Atmen. Dann: ein Kinderweinen. Nicht laut — klar.)

(Josef und Maria sehen einander an. Josef nimmt das Kind, hält es. Kein Wort. Er weint.)

JOSEF (leise) Ich konnte dir nichts anderes geben.

(Er sieht sich um — Stall, Stroh, Kälte. Sieht das Kind an. Wieder den Stall. Versteht etwas.)

JOSEF Hier hast du dir's ausgesucht.

In dieser Nacht

(Chor pianissimo, fast unhörbar — ein einzelner gehaltener Ton, dann ein Akkord, der hängt)

 

(Mhmm ... mhmm ...)

(Josef, am Boden vor der Krippe, leise, staunend)

 

Es war so kalt, ich hab gefroren.

Ich hab gedacht: das kann nicht sein.

Kein Bett, kein Dach, kein Brot, kein Lied —

und mitten drin: ein Kind, allein.

 

Ich hab dich angesehn, Maria,

und du hast nichts gesagt.

Ich hab das Kind in meine Hand gelegt,

und alles, was ich konnte, war: ich trag.

(Chor leise dazu, Josef-Linie obenauf)

 

In dieser Nacht,

in diesem Stroh, in diesem Stall,

hat sich der Himmel

ausgesucht den ärmsten Saal.

 

In dieser Nacht,

in dieser Kälte, in dem Dreck,

ist Gott gekommen —

und nichts an mir war je perfekt.

 

In dieser Nacht.

(Maria, sehr still, fast geflüstert)

 

Ich hab dich gehalten, kleines Licht,

ich hab gewusst, wer du bist.

Ich hab geschwiegen, weil kein Wort,

weil kein Wort jetzt das richtige ist.

 

Du atmest. Du atmest. Du atmest noch.

Das ist genug. Das ist genug.

Ich hab dich gehalten in dieser Nacht,

in der mich Gott in den Armen trug.

(Chor weiter geöffnet — Maria-Linie obenauf)

 

In dieser Nacht,

in diesem Stroh, in diesem Stall,

hat sich der Himmel

ausgesucht den ärmsten Saal.

 

In dieser Nacht,

in dieser Kälte, in dem Dreck,

ist Gott gekommen —

und nichts an mir war je perfekt.

 

In dieser Nacht.

(Chor, schwillt langsam an — die theologische Reflexion)

 

Er hat den Stall nicht falsch gewählt.

Er hat den Stall genau gewollt.

Was Josef nicht zu geben hat,

das hat der Himmel selbst geholt.

 

Nicht Korrektur, nicht Notbehelf —

Gewählt. Gewollt. Gewollt.

(Chor + Josef + Maria zusammen, voll aber reverent — kein Forte, kein Bombast)

 

In dieser Nacht,

in diesem Stroh, in diesem Stall,

hat sich der Himmel

ausgesucht den ärmsten Saal.

 

In dieser Nacht,

in dieser Kälte, in dem Dreck,

ist Gott gekommen —

und kein Mensch hat das je versteckt.

 

In dieser Nacht

beginnt, was niemand halten kann.

In dieser Nacht

fängt Gott bei einem Zimmermann.

 

(Sehr leise, ausklingend:)

 

In dieser Nacht.

In dieser Nacht.

(Während des Songs: Maria legt das Kind in eine Krippe — eine Futterkrippe aus Holz. Josef kniet daneben. Der Chor trägt das Lied. Licht wandert langsam — draußen wird es schon grau.)

(Am Rand der Bühne, fast unsichtbar: die Schattengestalt. Sie sieht alles. Sie tritt einen Schritt näher — bleibt stehen. Geht nicht.)

Szene 6 Szene 5 — Die Hirten
Der Stall, kurz nach der Geburt.
Die Tür fliegt auf. Hirten stolpern rein, atemlos. Sie erzählen rappend, was auf dem Feld passiert ist: Engel, Licht, Chor, Panik. „Euch ist heute der Retter geboren!" Energie, Humor, Staunen. Dann sehen sie das Kind. Beat stoppt. Stille. Kniefall. Die Schattengestalt hat alles gehört — „Retter", „König" — und geht leise. Nachdem Hirten und Maria zurücktreten, bleibt Josef allein bei der Krippe. „Sie haben König gesagt. Retter. Wer bin ich für dich, Kind?" Erstmals kommt keine Antwort. Kein blaues Licht, kein Engel-Motiv. Stille. Diese Grenze wird nicht aufgelöst — Josef muss lernen, ohne Antwort weiterzumachen.

(Stall, kurz nach der Geburt. Maria und Josef bei der Krippe, noch erschöpft, aber ruhig. Draußen: laute Stimmen, Geklapper. Die Tür fliegt auf.)

(Hirten — drei, vier, fünf — stolpern herein. Atemlos. Reden durcheinander.)

HIRTE 1 Da ist er! Da ist er!

HIRTE 2 Das Kind, in der Krippe, genau wie die gesagt haben!

HIRTE 3 Ihr glaubt nicht, was passiert ist —

JOSEF Wer seid ihr?

HIRTE 1 Moment, Moment, lasst uns das richtig machen.

(Kurzes Aufrichten. Beat setzt ein.)

Yo, ihr glaubt das nicht!

[Beat-Einzähler, Hi-Hat tickt schon, Hirten atemlos rein — Bass setzt mit dem ersten Verse-Wort ein]

 

(Atmen. Atmen. Atmen.)

HIRTE 1: Eins, zwei — Eins, zwei — yo —

[Boom-bap, breathless trading, double-time hi-hats]

 

HIRTE 1: Yo, hör zu, ich erzähl's wie's war —

saß am Feuer mit den Schafen, ganz klar.

Mitten in der Nacht, kein Mond, alles schwarz —

auf einmal Licht, kam wie'n Blitz, kein Spaß!

 

HIRTE 2: Erst dacht ich: Mensch, mein Auge ist hin,

oder einer war zu lang in der Weinkanne drin.

Doch dann stand er da, ganz oben, ganz klar:

Kerl mit Glanz, wie aus 'nem anderen Jahr!

 

HIRTE 3: Ich bin gerannt — und gleich wieder gefall'n,

ich hab geschrien wie die Schafe und alle.

Und der Engel? Der sagt: „Fürchtet euch nicht!" —

sag das mal du, mit so 'nem Strahl im Gesicht!

 

HIRTE 1: Und dann: hundert! Tausend! Tausend mehr!

Engelschor von oben, kreuz und quer,

Stimmen wie ein Sonnenmeer —

und wir? Mit dem Bauch ins Stoppelheer!

[SATB choir, bright, brass stabs, Hirten interject in the gaps]

 

EHRE SEI GOTT IN DER HÖHE! (Ehre sei Gott!)

EHRE SEI GOTT IN DER HÖHE! (Ehre sei Gott!)

Frieden auf Erden, allen Menschen Heil —

und wir, wir waren einfach nur dabei!

 

EHRE SEI GOTT! (Ehre sei Gott!)

EHRE SEI GOTT! (Ehre sei Gott!)

[Same energy, slight build, more clap]

 

HIRTE 2: Und dann sagt er: „Hört zu, ich mach's nicht lang —

in Bethlehem, heut Nacht, da liegt ein Anfang.

Ein Kind in der Krippe, in einem Stall —

und dieses Kind ist der Retter für all!"

 

HIRTE 3: Retter? Wir? Verstehst du das?

Wir, mit den Schafen, am Feldrand, im Gras?

Uns hat noch nie wer was Großes versprochen —

und jetzt sind wir die, die's als erste gerochen!

 

HIRTE 1: Also los, durch die Nacht, durch die Gass'!

Wir lassen die Schafe — die wissen schon was.

Ich weiß nur eins: wir müssen jetzt hin,

sonst hat das alles, was war, keinen Sinn!

[Bigger, brass forward, choir lifts]

 

EHRE SEI GOTT IN DER HÖHE! (Ehre sei Gott!)

EHRE SEI GOTT IN DER HÖHE! (Ehre sei Gott!)

Frieden auf Erden, allen Menschen Heil —

und wir, wir waren einfach nur dabei!

 

EHRE SEI GOTT! (Ehre sei Gott!)

EHRE SEI GOTT! (Ehre sei Gott!)

[Beat halftime, kick + clap on 1 and 3, search energy, breath]

 

HIRTE 2: Tür um Tür, Gass' um Gass',

wir fragen jeden: „Wo ist's? Wo ist was?"

HIRTE 3: Stall und Stroh, hat man uns gesagt —

HIRTE 1: ich seh ein Licht, ich glaub, das ist die Stelle, an der's tagt!

 

HIRTE 2: Da! Da hinten! Da brennt was warm —

HIRTE 3: still jetzt, leise, ganz ohne Alarm.

HIRTE 1: Tür auf — und —

[Beat ABRUPT silence on the word „und —". One sustained choral pad, very quiet. Nothing else.]

 

(Stille. Die Hirten sehen das Kind. Sie sind atemlos. Sie sehen sich an.)

 

HIRTE 1: (geflüstert) Das ... ist ...

 

(Er kann es nicht sagen. Er kniet.)

 

(Die anderen Hirten knien, einer nach dem anderen.)

 

(Der Choralton hält sich. Sehr, sehr leise:)

 

(Ehre ... sei ... Gott ...)

(Ehre ... sei ... Gott ...)

(Die Hirten rappen, was ihnen auf dem Feld passiert ist. Chor als Engelschor im Hintergrund. Energie, Staunen, Humor. Refrain: „Ehre sei Gott!")

(Am Ende des Songs: Beat stoppt. Stille. Die Hirten sehen erst jetzt das Kind wirklich. Sie knien nieder, einer nach dem anderen. Stille.)

(Am Bühnenrand: die Schattengestalt. Sie hat alles gehört. „Retter." „König." Sie verschwindet.)

(Die Hirten erheben sich nach einer langen Stille, leise, treten hinaus. Maria sinkt erschöpft an die Krippe, lehnt den Kopf ans Holz, schließt die Augen.)

(Josef bleibt stehen. Allein mit der Krippe.)

JOSEF (leise, zur Krippe) Sie haben „König" gesagt. „Retter."

(Pause.)

JOSEF Wer bin ich für dich, Kind?

(Stille. Kein blaues Licht. Kein Nebel. Kein Motiv.)

JOSEF (leiser) Wer bin ich?

(Stille. Das Kind atmet. Josef bleibt stehen.)

(Dunkel.)

Szene 7 Szene 6 — Herodes' Hof
Thronsaal des Herodes. Kalt, steinern.
Harter Lichtwechsel. Die Schattengestalt tritt erstmals ins volle Licht und berichtet Herodes vom Kind. Herodes reagiert mit kontrollierter Wut. Sein Anspruch ist das Gegenteil von Gottes Anspruch: Nicht „vertraue", sondern „kontrolliere". Nicht „vergib", sondern „vernichte". Der Kontrast zum Hirten-Rap ist maximal.

(Harter Lichtwechsel. Thronsaal des Herodes. Steinern, kalt. Herodes sitzt — nicht monumental, sondern zurückgelehnt, ruhig. Die Schattengestalt tritt ins volle Licht. Zum ersten Mal sieht das Publikum sie klar — aber noch nicht ihr Gesicht.)

HERODES Sprich.

SCHATTENGESTALT Ein Kind, Herr. In Bethlehem. Geboren in dieser Nacht.

HERODES Kinder werden jede Nacht geboren.

SCHATTENGESTALT Hirten sind auf den Feldern gewesen. Sie sprechen von Engeln. Von einem Chor. Sie haben es „Retter" genannt. „König."

(Pause.)

HERODES König.

SCHATTENGESTALT So sagen sie.

HERODES Wer weiß davon?

SCHATTENGESTALT Die Hirten. Der Vater. Die Mutter. Ich.

HERODES Und jetzt ich.

(Herodes steht auf. Nicht laut. Präzise.)

Kein König neben mir

(Sehr knapp. Einzelner tiefer Ton. Ein Hammerschlag auf der Pauke. Stille.)

 

(Höflinge, sehr leise, gesprochen — wie Räderwerk:)

 

(Mein Herr. Mein Herr. Mein Herr.)

(Herodes — sitzend, ruhig, präzise. Kein Crescendo.)

 

Sie kommen mit Geschichten, immer wieder —

ein Stern, ein Engel, eine Stimme aus dem Wind.

Sie kommen mit Visionen, mit Versprechen,

mit Träumen, die nichts kosten, die nichts sind.

 

Ein König wird geboren, sagen sie,

in einem Stall — ein Sternlein, ein Bericht.

Ich habe meinen Thron mit Blut bezahlt.

Auf meinen Thron, da fällt kein anderes Licht.

(Herodes klar, ohne Steigerung. Höflinge wiederholen wie Schatten — steife Unisono, kein Vibrato.)

 

Kein König neben mir.

(Kein König neben mir.)

Kein Thron, kein Stern, kein Kind.

(Kein König neben mir.)

Kein Wort, das ich nicht hör.

(Kein König neben mir.)

Kein Atem, den ich nicht zähl.

(Kein König neben mir.)

 

Was nicht von mir kommt,

darf nicht mehr sein.

Kein König neben mir.

Kein König — nein.

(Herodes steht auf. Geht zwei Schritte. Bleibt stehen.)

 

Ich habe Mauern bauen lassen.

Ich habe Söhne sterben lassen.

Ich habe Tempel restauriert,

damit der Himmel meine Mauern ehrt.

 

Wer nicht zu meinem Plan gehört, geht fort.

Wer in mein Licht tritt, fällt verbrannt.

Ich bin nicht zornig. Ich bin Befehl und Wort.

Ich bin der Maßstab. Ich bin die Hand.

(Identisch — Höflinge wieder als Echo)

 

Kein König neben mir.

(Kein König neben mir.)

Kein Thron, kein Stern, kein Kind.

(Kein König neben mir.)

Kein Wort, das ich nicht hör.

(Kein König neben mir.)

Kein Atem, den ich nicht zähl.

(Kein König neben mir.)

 

Was nicht von mir kommt,

darf nicht mehr sein.

Kein König neben mir.

Kein König — nein.

(Höflinge übernehmen ganz — chorisch, kalt, wie ein Räderwerk. Herodes steht still.)

 

Was ihm gehört, gehört uns.

Was uns gehört, gehört ihm.

Wer nicht für ihn ist, ist nichts.

Wer nicht für ihn ist, geht hin.

 

Was ihm gehört, gehört uns.

Was uns gehört, gehört ihm.

Wer nicht für ihn ist, ist nichts.

Wer nicht für ihn ist, geht hin.

 

(Herodes, sehr leise, nüchtern — drei Worte:)

 

Findet das Kind.

(Voll instrumentiert, Höflinge laut, Herodes präzise und unbeeindruckt von der eigenen Lautstärke. Brass kalt und blockhaft, kein Swell.)

 

Kein König neben mir.

(Kein König neben mir.)

Kein Thron, kein Stern, kein Kind.

(Kein König neben mir.)

Kein Wort, das ich nicht hör.

(Kein König neben mir.)

Kein Atem, den ich nicht zähl.

(Kein König neben mir.)

 

Was nicht von mir kommt,

darf nicht mehr sein.

Kein König neben mir.

Kein König — nein.

 

(Herodes setzt sich. Höflinge erstarren.)

 

Kein König — nein.

 

(Stille. Dunkel.)

(Herodes-Solo. Chor als Höflinge — steif, schwarz gekleidet, wie Schatten. Kein Theaterzorn; Kälte. Am Ende des Songs gibt Herodes einen knappen Wink. Die Schattengestalt verbeugt sich, tritt zurück, verschwindet.)

(Dunkel.)

Szene 8 Szene 7 — Engel II + Flucht nach Ägypten
Haus in Bethlehem, Nacht. Wüste.
Engelserscheinung II — selbes Licht, selbes Motiv, kürzer: „Flieh nach Ägypten." Josef gehorcht sofort. Flucht durch die Nacht mit Maria und dem Kind. Mitten in der Wüste bricht Josef ein: „Ich bin nur ein Zimmermann. Wer bin ich, ein Königskind durch die Wüste zu tragen?" Maria kniet wortlos neben ihn. Aus dieser Stille hebt der Chor „Gott ist dabei" an — als Antwort auf die ausgesprochene Frage, nicht als Reisemusik. Josef richtet sich auf, nimmt das Kind, geht weiter. Die Schattengestalt sucht — findet sie nicht.

(Einfaches Haus in Bethlehem. Nacht. Josef schläft. Maria bei der Krippe. Blaues Licht, Nebel — das Engel-Bild.)

Engel-Motiv

(Instrumental)

(Der Engel. Kürzer als beim ersten Mal. Nur ein Satz, auf dem vertrauten Motiv.)

ENGEL Flieh nach Ägypten.

(Licht verändert sich. Josef wacht auf. Kein Zögern. Er weckt Maria — wortlos. Sie versteht.)

(Rasches Packen. Das Kind auf dem Arm. Sie verlassen das Haus.)

(Wüstenlicht. Wind. Josef, Maria, das Kind — kleine Silhouetten gegen einen weiten Himmel. Sie gehen. Stehen. Gehen weiter.)

(Josef bleibt stehen. Sinkt auf die Knie. Setzt das Kind ab.)

JOSEF (leise, gepresst) Ich bin nur ein Zimmermann.

(Maria bleibt stehen. Sieht ihn an. Sagt nichts. Wind.)

JOSEF Wer bin ich, ein Königskind durch die Wüste zu tragen?

(Stille. Maria kniet sich neben ihn. Legt ihre Hand auf seine Schulter. Sagt nichts.)

(Dann, ganz leise, beginnt der Chor.)

Gott ist dabei

–:––

[Instrumental, energetic, claps + brass]

(Oh-oh, hey!)

(Yeah, come on!)

[Lead vocal]

Die Nacht ist kalt, der Weg ist weit,

doch Hoffnung brennt in dunkler Zeit.

Ein leiser Ruf, ein klares Wort,

führt uns hinaus, führt uns sofort.

Wir geh'n nicht blind, wir geh'n nicht allein,

sein Licht fällt selbst ins Dunkel hinein.

[Build up]

Wenn Angst uns packt und alles bebt,

ist da ein Gott, der mit uns geht.

[Big, choir joins]

Gott ist dabei, auf jedem Schritt,

geht vor uns her und geht mit.

Durch Sturm und Staub, durch Land und Meer,

trägt er uns sicher hin und her.

Gott ist dabei, auch wenn man's nicht sieht,

seine Liebe ist stärker als Angst, die flieht.

Wo wir auch sind, was auch geschieht:

Gott ist dabei — Gott ist dabei!

[Lead + backing vocals]

Fremdes Land, kein Zuhause hier,

doch seine Hand bleibt über mir.

Kein Königsthron, kein goldnes Zelt,

doch Himmel wohnt in dieser Welt.

Was er verspricht, das trägt und hält,

auch wenn sich alles anders stellt.

[Rising energy]

Was gestern war, was morgen kommt,

steht in der Hand, die uns nicht nimmt.

[Full band + choir]

Gott ist dabei, auf jedem Schritt,

geht vor uns her und geht mit.

Durch Sturm und Staub, durch Land und Meer,

trägt er uns sicher hin und her.

Gott ist dabei, auch wenn man's nicht sieht,

seine Liebe ist stärker als Angst, die flieht.

Wo wir auch sind, was auch geschieht:

Gott ist dabei — Gott ist dabei!

[Breakdown then build up]

Wenn Wege enden, fängt er an,

zeigt uns neu, was Hoffnung kann.

Aus Tränen wächst ein neuer Mut,

aus Asche Leben, stark und gut.

[Biggest, full choir, key lift]

Gott ist dabei, hebt uns empor,

öffnet Herzen, öffnet das Tor.

Von gestern bis in Ewigkeit,

trägt er uns durch Raum und Zeit.

Gott ist dabei — singt es laut!

Egal wohin, auf ihn ist gebaut.

Wo wir auch sind, was auch geschieht:

Gott ist dabei — Gott ist dabei!

[Soft ending, choir fade]

Wo wir auch sind …

Gott ist dabei.

(Während des Liedes: Josef richtet sich langsam auf. Nimmt das Kind wieder. Geht weiter. Maria neben ihm. Der Chor trägt sie durch den Raum.)

(Nach einem Moment: Herodes' Soldaten — oder die Schattengestalt allein — durchsuchen das verlassene Haus. Finden nichts. Die Schattengestalt blickt in die Nacht, in die sie geflohen sind.)

(Dunkel.)

Szene 9 Szene 8 — Schenke, Gegenwart. Engel III + IV
Schenke in Nazareth, Gegenwart.
Zurück in der Rahmenhandlung. Josef erzählt: Ägypten, Rückkehr, Nazareth. Engel III: „Geh zurück." Engel IV: „Nach Galiläa." Jedes Mal kürzer. Dann spricht er über die stillen Jahre und den Tempel. „Haus meines Vaters." Erst jetzt, durchs Erzählen, begreift Josef, was er 13 Jahre lang erlebt hat: Dieser Junge weiß, wer er ist. Das Begreifen ist kein glatter Schluss, sondern ein Ringen. „Ich habe ihm das Hobeln beigebracht. Er ist mein Junge." — Pause. — „Aber er ist nicht meiner." Nur dann der Satz an Joram: „Wir haben ihn beschützt. Aber er ist nicht unser." Die Grenze des Loslassens.

(Licht kehrt zur Schenke zurück. Josef, der ältere, sitzt wieder am Tisch. Joram ihm gegenüber. Zwischen ihnen der halbleere Krug.)

JOSEF Ägypten. Jahre. Ich weiß nicht mehr, wie viele. Maria hat mir geholfen, die Werkstatt aufzubauen. Die Leute haben uns aufgenommen. Der Junge hat laufen gelernt.

JORAM Und dann?

JOSEF Dann kam er wieder.

(Blaues Licht, Nebel — kurz, sehr kurz.)

Engel-Motiv

(Instrumental)

ENGEL Geh zurück.

JOSEF Das war alles. Drei Worte. Ich habe nicht einmal gefragt. Wir sind gegangen.

(Kurze Pause.)

JOSEF Und als wir kurz vor Judäa waren — da kam er nochmal.

(Blaues Licht, noch kürzer.)

Engel-Motiv

(Instrumental)

ENGEL Nach Galiläa.

JOSEF Zwei Worte.

(Er lacht kurz, bitter.)

JOSEF Das erste Mal war ein ganzes Lied. Das letzte Mal zwei Worte. Und ich habe gehorcht. Sofort.

JORAM Und dann?

JOSEF Dann nichts mehr. Keine Engel mehr. Keine Träume. Nur der Junge, in meiner Werkstatt. Holz schleppen. Schnitzen. Essen. Spielen. Ein normaler Junge. Meistens.

JORAM Meistens?

JOSEF Manchmal hat er etwas gesagt. Nichts Lautes. Nichts Großes. Aber — anders. Als wüsste er etwas, das wir nicht wissen.

(Stille.)

JOSEF Und dann der Tempel. Drei Tage. Und dieser Satz. „Haus meines Vaters."

(Pause.)

JOSEF Joram — ich glaube, ich verstehe es jetzt. Jetzt, wo ich es erzähle. Dieser Junge weiß, wer er ist. Er hat es immer gewusst.

(Pause.)

JOSEF Ich habe ihm das Hobeln beigebracht. Ich habe ihm das Aramäische beigebracht. Ich habe ihn auf den Schultern getragen, als er müde war. Er ist mein Junge.

(Pause. Leiser:)

JOSEF Aber er ist nicht meiner.

(Stille.)

JOSEF Wir haben ihn beschützt. Aber er ist nicht unser.

(Joram sieht ihn lange an. Sagt nichts. Dann:)

JORAM Josef. Ich muss dir etwas sagen.

Szene 10 Szene 9 — Die Enthüllung
Schenke in Nazareth, Gegenwart, unmittelbar im Anschluss.
Jorams Ton verändert sich. Er gesteht: Er war die Schattengestalt. Das Wissen aus jener Nacht vor 13 Jahren, an diesem Tisch, hat er an Herodes verraten. Er trägt Mitschuld am Kindermord in Bethlehem. Joram: „Kannst du mir vergeben?" Josef: „Das ist die falsche Frage. Die Frage ist, ob er es tut." Josef zeigt auf Jesus.

(Unmittelbarer Anschluss an Szene 8. Die beiden noch am Tisch. Joram hat den Blick gesenkt.)

JORAM Ich war nicht nur dein Freund, Josef.

JOSEF Was meinst du?

JORAM Weißt du noch, die Nacht, in der du mir alles erzählt hast? Hier. An diesem Tisch. Von Maria. Vom Kind. Vom Heiligen Geist.

JOSEF Ich weiß.

JORAM Ich habe geschworen, es niemandem zu sagen.

JOSEF Ich weiß.

(Pause. Joram sieht auf.)

JORAM Ich habe es weitergesagt, Josef.

(Stille.)

JOSEF An wen?

JORAM Herodes.

(Josef starrt ihn an.)

JOSEF Herodes.

JORAM Als die Hirten kamen und von dem Kind sprachen — von einem König, einem Retter — da war ich schon da. Ich war die ganze Zeit da. Ich bin euch gefolgt. Nach Bethlehem. Zum Stall. Ich habe den Hirten zugehört. Und dann bin ich zu Herodes gegangen.

JOSEF (leise) Du warst es.

JORAM Ich war es.

Ich war es

(Klavier, tiefe Akkorde, sehr langsam. Joram steht nicht, kniet nicht — er sitzt am Tisch, gebeugt. Pause vor dem ersten Wort.)

(Joram, leise, nicht weinend — aufrichtig, fast tonlos)

 

Ich saß an diesem Tisch, vor dreizehn Jahren,

und du hast mir vertraut, mein Freund.

Ich hab geschworen, ich würde schweigen,

und das war eine Lüge, jedes Wort.

 

Drei Tage später war ich bei Herodes.

Drei Tage. Nur drei Tage. Verstehst du?

Ich hab erzählt, was du erzählt hast.

Maria. Der Geist. Das Kind. Ich hab gesprochen — alles, alles.

(Hart, wie ein Geständnis ohne Schmuck. Klavier hält darunter, kein Crescendo.)

 

Ich war es.

Die Gestalt im Schatten — ich war es.

Wer dir folgte nach Bethlehem — ich war es.

Wer am Stall stand und horchte — ich war es.

Wer den Hirten zugehört hat,

und dann zu Herodes ist — ich war es.

Ich war es. Ich war es. Ich.

(Joram, fast tonlos — Cello-Drone setzt mit der ersten Zeile ein, sehr leise)

 

Ich hab nicht gewusst, was er tun würde.

Das ist die Lüge, die ich mir dreizehn Jahre erzähl.

Doch ich hab gewusst, mit wem ich rede.

Ich hab gewusst, was Macht aus Wissen macht.

 

Und als die Botschaft kam aus Bethlehem,

als sie kamen mit den Listen, mit den Schreien —

da bin ich nicht aufgestanden, da bin ich nicht hin —

da bin ich sitzen geblieben. Bin sitzen geblieben.

(Bricht — Joram fast schreiend, dann leiser. Im Hintergrund: wordless choir hum auf einem offenen, ungelösten Akkord, sehr leise.)

 

Bethlehem, Bethlehem,

die Kinder, die Kinder,

die Mütter, die schrien,

das Blut auf den Türen,

ich hab das gehört.

Ich hab das gewusst.

Ich hab nichts getan.

Ich hab nichts gesagt.

 

(Pause. Tonlos:)

 

Ich war es. Ich war es. Ich.

(Sehr langsam, ohne Steigerung, fast nur gesprochen. Klavier hält einen Akkord, der sich nicht auflöst. Cello und Chor verklingen.)

 

Ich war es.

Ich war es.

Dreizehn Jahre.

Ich war es.

 

Und heute, hier, an diesem Tisch,

sage ich's das erste Mal.

 

Ich war es.

 

(Pause. Stille. Klavier hält den ungelösten Akkord. Joram sitzt zusammengefallen.)

(Joram-Solo. Josef sitzt regungslos. Am Ende des Songs kniet Joram nicht, aber sein ganzer Körper ist zusammengefallen.)

JORAM Bethlehem, Josef. Die Kinder von Bethlehem. Ich trage das mit. Jede Nacht.

(Lange Stille.)

JORAM Kannst du mir vergeben?

(Josef sieht ihn an. Lange.)

JOSEF Joram. Das ist die falsche Frage.

(Pause.)

JOSEF Die Frage ist nicht, ob ich vergeben kann. Die Frage ist, ob er es tut.

(Josef steht auf. Er zeigt nicht auf den leeren Raum, sondern hinaus — in den Raum, in dem 13 Jahre später der Junge im Tempel sitzen wird.)

JOSEF Er ist genau dafür gekommen, Joram. Für dich. Und für mich.

(Joram weint. Josef legt ihm die Hand auf die Schulter. Stille.)

Szene 11 Epilog — Philipper 2 + Finale
Bühne öffnet sich. Alle Darsteller treten auf.
Bibellesung Philipper 2,5–11: Er war Gott gleich, entäußerte sich selbst, wurde Mensch, gehorchte bis zum Tod am Kreuz, wurde erhöht über alle Namen. Die Antwort auf alles, was Josef erlebt hat — und auf Jorams Frage. Das Finale zieht die Linie: Krippe → Tempel → Kreuz. Die Frage „Was wird aus diesem Kind?" ist am Ende keine Frage mehr — sie ist eine Einladung.

(Die Schenke bleibt — aber der Bühnenraum öffnet sich. Wände treten zurück. Langsam treten die Darsteller auf: Maria mit dem Kind, der junge Josef, die Hirten, Herodes am Rand, der Engel. Alle Zeiten gleichzeitig. Josef, der ältere, steht in der Mitte. Joram neben ihm.)

(Ein Lesender tritt vor — kann Josef selbst sein, kann eine Chorstimme sein.)

LESENDER Aus dem Brief an die Philipper, Kapitel 2:

(„Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.")

(Stille. Dann, ganz leise, beginnt das Finale.)

Was soll aus diesem Kind einmal werden

–:––

(Keine Lyrics hinterlegt)

(Großes Chor-Finale. Alle Soli des Abends treten noch einmal ein — Josef, Joram, Maria, die Hirten, der Engel. Die Linie: Krippe — Tempel — Kreuz. Was zu Beginn Frage war, ist am Ende Einladung.)

(Licht bleibt auf allen Figuren. Josef steht in der Mitte. Er zeigt.)

(Dunkel.)